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20-05-2013
20 Jahre Tafeln in Deutschland: 20 Jahre Elendsverwaltung/ “Ästhetik ohne Widerstand” (Ventil-Verlag) -Texte zu reaktionären Tendenzen in der Kunst/ Der iranische Rapper Shahin Najafi, gegen den eine Fatwa ausgesprochen wurde, schreibt: „Wenn Gott schläft“ -
Aber was ich sagen will, ist nun, daß das Glück, das von den Kunstwerken ausgeht, oder meinetwegen sogar der Genuß, den die Kunstwerke bereiten, nicht unmittelbar eins ist mit ihrer ästhetischen Erfahrung; daß ihre ästhetische Erfahrung selbst nicht in ihren einzelnen Momenten unmittelbar Genuß bereitet, wie der Dilettant und der Spießbürger es sich vorstellen, die das Kunstwerk in einen Teller mit Rippchen und Kraut verwandeln, sondern daß das Kunstwerk eigentlich das Glück dadurch bereitet, daß es ihm gelingt, einen so in sich hineinzuziehen, […] daß es einen also nötigt, die Bahnen mitzugehen, die es in sich selbst beschreibt; und daß es einen dadurch allerdings der entfremdeten Welt, in der wir leben, entfremdet, und durch diese Entfremdung des Entfremdeten die Unmittelbarkeit oder das unbeschädigte Leben selber eigentlich wiederherstellt. Wenn es so etwas wie Glück am Ästhetischen oder wie ästhetischen Genuß gibt, dann liegt dieser Genuß also in der Leistung, die, wenn ich so sagen darf, das Kunstwerk an uns vollzieht, indem es uns absorbiert, indem wir in es eingehen und indem wir ihm folgen. […] Ich möchte wenigstens andeuten, daß Sie an dieser Stelle freilich auch die Problematik der Kunst selber in einer sehr grundsätzlichen Weise berührt finden. Denn diese Kraft des Kunstwerks, einem die entfremdete Welt nochmals zu entfremden, ist ja selber eben doch ein Moment des Scheins. Diese reale Welt, der wir dabei entfremdet werden, wird dadurch nicht in ihrer Entfremdetheit aufgehoben, sondern gerade dadurch, daß wir uns ihr entziehen, in einem gewissen Sinn eben so belassen.
Theodor W. Adorno (2009/1958/59): Ästhetik, Nachgelassene Schriften, Abt. IV: Vorlesungen, Band 3, S. 192, 193f. -
Nach dem Zweiten Weltkrieg ist alles, auch die auferstandene Kultur zerstört, ohne es zu wissen; die Menschheit vegetiert kriechend fort nach Vorgängen, welche eigentlich auch die Überlebenden nicht überleben können, auf einem Trümmerhaufen, dem es noch die Selbstbesinnung auf die eigene Zerschlagenheit verschlagen hat.
Theodor W. Adorno (1981): Versuch, das Endspiel zu verstehen, S. 285. -
Der Schmerz erscheint als ein unmittelbarer, als ein Ort der Authentizität hinter dem nicht mehr zurückgegangen werden kann. Dies ist die Lüge einer Unmittelbarkeit zur Natur. Er erscheint zwar direkt und übermächtig, ist jedoch stets als ein dem Bewusstsein Gegenüberstehendes etwas Objektives und damit Vermitteltes. In der Tiefe des Schmerzes liegt die Herrschaft über Natur, nicht sie als solche. Zugleich erhält sich in der falschen Unmittelbarkeit ein Kern von Wahrheit. Indem sie auf das unhintergehbare Spannungsverhältnis von Vermittlung und Entzogenem deutet, kommt das Sachhaltige im Objekt, die „Identität der Sache selbst“ (Adorno) zu ihrem Recht. In anderen Worten, so wie die Unmittelbarkeit Lüge ist, so wenig wahr ist es, die Vermittlung als ein Letztes, Absolutes zu setzen. Nicht nur kann am Schmerz die Reflexion einholen, dass die stets für das Subjekt vermittelte Natur in sich ein Moment der Eigenständigkeit hat. Gerade in der Erkenntnis, dass der Schmerz nicht unhintergehbar, nicht unmittelbar ist, bewahrt sich, sein Ende als Unhintergehbarkeit zu setzen. Aus dem stets Vermittelten einen Imperativ formulieren zu können, gerade das bedeutet Vernunft.
M. Schönwetter, Über den Schmerz [in der Performancekunst] -
Die letzten Opfer werden bald so tot sein wie die letzten Täter. Es ist schon jetzt kein Halten mehr. Die Geschichte wird, unter allgemeinem Applaus, bereinigt, und wenn es stimmt, daß Geschichte die Geschichte der Sieger ist, dann hat Deutschland den Krieg jetzt wirklich noch gewonnen.
Posted on May 7, 2013 via ey hier with 11 notes
Source: eyhier
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Die Widersprüche sind die Hoffnung.
Thomas Brasch (via abenteuerundfreiheit) -
Dem Sinnlichen eine Sprache. Performance, Tanztheater und die Dialektik des Leibes
Dienstag, 7. Mai 2013, Melanchthonianum, Uni-Platz, Halle (Saale)
Vortrag mit Michael Gutjahr im Rahmen der Reihe “Kunst und Gesellschaftskritik in Zeiten der Kulturindustrie”
Gilt der Körper im Alltagsverständnis als zu beherrschendes Residuum des Naturmoments, so bestimmt der geisteswissenschaftliche Mainstream den Körper als Produkt einer von Macht oder Herrschaftsverhältnissen geformten diskursiven Praxis. Daher auch erklärt postmoderne „Kritik“ Dekonstruktion und Resignifikation zu Möglichkeiten, mit denen u.a. am Ort des geschlechtlichen Körpers Herrschaftsverhältnisse abgeschüttelt werden könnten. Geradezu in Gegensätzlichkeit zur Verdinglichung soll der postmoderne Körper eine lebbare Praxis der Inszenierung seiner Vielfältigkeit sein. Alles, was der Resignifikation, also sprachlichen bzw. performativen Modifikationen entgeht, soll infolgedessen als Ontologie, Naturalismus oder Essentialismus ausgetrieben werden. Im Gegensatz zu diesem beinahe wittgensteinschen Paradigma, nämlich von dem zu schweigen, was man nicht sagen könne, hielt Adorno u.a. mit dem Begriff des Leibes am „Paradox der Erkenntnis“ – mit dem Begriff doch zu sagen, was diesem entgeht – als entscheidendes Moment der Kritik fest. Hierin konvergiert die Kunst, indem sie im „Moment des Flüchtigen, des nicht ganz zu Greifenden […] ihr Lebenselement hat“ (Adorno). Kunst sagt, was nicht sagbar ist, gerade mit dem Leiblichen als Ort ihrer sinnlichen Erfahrung. Diesen Problemstellungen soll sich anhand einer Auseinandersetzung mit dem Tanztheater bzw. der Performancekunst genähert werden. In beiden Kunstformen steht nicht nur der Körper im Mittelpunkt, sondern zugleich scheinen Naturmoment und performative Praxis in Spannung gehalten. Über deren Dichotomie hinaus ließe sich, so die Kernthese des Vortrags, in beiden Kunstformen eine „Ahnung“ (Pina Bausch) des Nichtidentischen ausmachen, dessen, was sich eben nicht einfach auf den Begriff bringen lässt. Im Sinne einer Versöhnung von Natur und Gesellschaft sowie Leib und Körper hätte dies Relevanz für eine dialektische Gesellschaftskritik.
Michael Gutjahr (AK Kritische Intervention) hat Soziologie und Ethnologie studiert und beschäftigt sich vor allem mit der (älteren) kritischen Theorie sowie den Themen Leib, Körper, Nichtidentität, Sprache und materialistische Gesellschaftskritik.
Eine Veranstaltung des ALV - Alternatives Vorlesungsverzeichnis der Uni Halle
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Ich liebe den Umgang mit Schauspielern, ihre Unbedingtheit, ihre Unmittelbarkeit, ihr Komödiantentum, ihre Unberechenbarkeit, ihre Treue, ihre Untreue, ihre Trauer und Begeisterungsfähigkeit, ihre Freude am Genuß und ihre unbekümmerte Echtheit, ihren Humor und ihren Schwermut. Ich liebte es, am Nachmittag in den ›Pfauen‹ zu gehen, während ein Stück probiert wurde. Es gab in dem Restaurant, gleich neben der Tür, die zur Bühne führte, einen Tisch, an dem die Schauspieler, wenn sie nichts zu tun hatten, ein Bier tranken oder eine Wurst verschlangen, bevor ihr Stichwort kam. Da konnte man sie erwischen, zwischen Auftritten, die Mitglieder des Züricher Schauspielhauses, eine Schar von Auserlesenen, zusammengehalten durch ein gemeinsames Schicksal, durch den Respekt, den sie einander bezeugten, und den Wunsch, den Leuten, die ihnen das Leben gerettet hatten, zum Dank etwas vorzuspielen, ihnen zu zeigen, was sie konnten und gelernt hatten: Kalser und Steckel und Ginsberg, der Musiker Rolf Langnese und der Bühnenmaler Teo Otto - ich liebte es, von ihnen am Sonntag Nachmittag zu Kaffee und Kuchen eingeladen zu werden, sie ungeschminkt zu sehen, die glücklich verheirateten Othellos, die Schlagsahne schlagenden Maria Stuarts, die Shylocks und die Desdemonas, die Familie spielten und sich in besorgte Väter, kochende Hausfrauen und leidenschaftliche Briefmarkensammler verwandelten. Sie bemühten sich, ein eidgenössisches Dasein zu führen, sie, die Verfolgten, die Gejagten, die Gesuchten, die an der Limmat ein Exil gefunden hatten, eine Bleibe, und die sich anzupassen versuchten an eine Idylle, die ihnen nicht recht zu Gesicht stand, die doch probiert, auswendig gelernt und zu Ende gespielt werden mußte. Keiner von ihnen ist heute noch am Leben.
Hans Sahl, Das Exil im Exil. Memoiren eines Moralisten II, S. 29 - 30. -

Freitagabend…
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Walter Benjamin hinterließ bei seinem Tod ein unvollendetes, gewaltiges Manuskript - das Passagen-Werk. Auf über 1.000 Seiten versammelte Benjamin Materialien und Beobachtungen, die das 19. Jahrhundert charakterisieren. Könnte man heute eine solche Inventarliste für das 21. Jahrhundert wiederholen? Was wäre eine Hauptstadt des 21. Jahrhunderts? Stünde an der Stelle, wo einst das Eisen dominierte, heute das Silizium? Was ist im 20. und 21. Jahrhundert so anders?
Prof. Dr. Burkhardt Lindner im Gespräch mit Alexander Kluge.
